
Adolf Muschg, der Vorsitzende der Gesellschaft und Zsuzsa Breier, die Initiatorin
begrüßen Sie herzlich auf der Website der Gesellschaft DIALOG.KULTUR.EUROPA.e.V!
Europa bedeutet: in den Ländern, die später zur EU gestoßen sind, wissen es die Menschen noch, und den „Angestammten“ ist dieses Bewußtsein nötig. Es berührt die Substanz des Bündnisses; es macht seine Grundlage erst tragfähig und belastbar.
Was soll Europa? In der politischen Frage steckt eine ethische und kosmopolitische; es ist das Wesen der Kultur, sie zu stellen und sich ihr zu stellen. Und es ist die Arbeit unserer Gesellschaft, diesen Dialog von Europäern miteinander und mit sich selbst nicht abreißen zu lassen.
Ist Europa satt?
Nie waren West- und Osteuropäer einander so nahe, wie im Herbst 1989, als die Mauer fiel, nie war das Glück so groß. Der Kommunismus stürzte, die Grenze zwischen Ost- und West fiel. Für um die 75 Millionen Osteuropäer endete damit Diktatur, Repression und Fremdherrschaft.
Nach über 40 Jahren Angst und Freiheitsberaubung, korrupter Staatswirtschaft und miserabler Lebensumstände wurde der Traum von Freiheit, Rechtsstaat und Marktwirtschaft, ja vor allem von Menschenwürde wahr. Der Alptraum war vorbei.
Knapp 20 Jahre danach - was ist aus der Freude geblieben?
Unsere Dialoge Ost-West fragen nach dem Wert unserer demokratischen Errungenschaften. Der Westen und der Osten haben dafür Jahrzehntelang gekämpft - mit großer Zeitverschiebung, aber umso entschlossener. Was wissen wir noch heute davon?
(Zsuzsa Breier)

Ein Glücksfall,
wie die Berliner Erklärung sagt: „Wir, Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint“.
Wissen aber die Europäer, die nach Kriegen und Gewaltherrschaften neu zusammenfanden, von ihrem Glück? Wissen Europäer, die noch selber Terror, Diktatur, Armut und Hungersnot, Konzentrationslager und Gulag, Demütigungen im sozialistischen Alltag, Feindschaft und Hass erlebten, und Europäer, deren Mütter und Väter dies alles erlebten, wissen die Bürger der Europäischen Union die neuen, glückbringenden Werte des gegenwärtigen Europa zu schätzen? Die Freiheit und die Menschenwürde, den Frieden und den Wohlstand?
Und kennen wir Europäer heute das Leben unserer Vorgänger? Die Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern? Haben wir aus den Diktaturen gelernt, sind wir gerüstet für eine bessere, eine friedliche, menschenwürdige Zukunft? Haben wir in unserer Herzen und Köpfen Vorurteile und Feindbilder verabschiedet? Können wir miteinander, Deutsche und Polen, Ungarn und Slowaken, Kroaten und Serben? Vertrauen Westeuropäer Osteuropäern und umgekehrt? Verstehen Menschen mit über 60 Jahren Demokratieerfahrung ihre neuen EU-Mitbürger, die sich erst seit 20 Jahren in Demokratie üben? Und schätzen einander alte und neue EU-Bürger? Kennen und verstehen einander Europäer, die nach gemeinsamen Richtlinien, Paragraphen und Gesetzen leben? Leben Europäer ihre Werte bewusst?
„Der zuverlässigste Weg, in die Zukunft zu sehen,
ist das Verstehen der Gegenwart“,sagt der amerikanische Zukunftsforscher Naisbitt. Für die gemeinsame Zukunft müssen Europäer ihre Geschichten und ihre Gedanken miteinander teilen.Als Ungarin, die im Ostblock geboren wurde, der dann aber nach dem Ende des Kalten Krieges ein Leben in Freiheit und Demokratie zuteil wurde, und die das Fehlen dieses Teilens schmerzhaft erfuhr, lag es mir daran, ein Forum für die Verständigung der Europäer untereinander zu schaffen. Kurz vor der EU-Erweiterung, in 2003, gründete ich mit engagierten Deutschen und Europäern zusammen Die Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa, um das Wachsen dieser neuen Kultur des europäischen Zusammenlebens voranzutreiben. Wir wollen den gemeinsamen Weg der Europäer mit Dialog begleiten. Wir wollen herausfinden, was Europäer verbindet und trennt, wie sie heute ihre Werte leben. Wir fragen und streiten für Europa, für mehr Verständnis und mehr Verständigung.
Mit dem KULTURJAHR der ZEHN,
dem größten gemeinsamen Festival der zehn neuen EU-Länder im Erweiterungsjahr 2004, haben wir einen Anfang gesetzt. „Dialog statt Spektakel“, „Die Stimme des neuen Europa“, „Osteuropa ist näher gerückt“, „Hoffnung auf das kulturelle Zusammenwachsen Europas“ – so erlebte unser Publikum die Auseinandersetzungen mit unserem neuen Europäertum.
„Doppelgedächtnis: Debatten für Europa“:
das 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls begleiten wir mit einer Ost-West-Dialogreihe: 20 Europäer beziehen Stellung zu der Frage, wie Europäer heute mit Diktaturen und Freiheit umgehen. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski warb dafür, die gemeinsame, oft schwierige Vergangenheit der Europäer, auch der Polen und der Deutschen, als Chance für die Zukunft zu sehen. Ein anderer Redner unserer Reihe, der Historiker Karl Schlögel nannte das Jahr 1989 den „Beginn einer stürmischen Neu- und Umbewertung der Vergangenheit“, manchmal auch der ganzen Nationalgeschichte. „Deutschland ist von Europa eingeholt worden“, formulierte Schlögel, denn die Deutschen rücken in ein Netz von Beziehungen ein, das sie selber zerstört haben. Vaira Vike-Freiberga, die frühere lettische Präsidentin beklagte, dass Europa heute in zwei gegensätzliche kollektive Gedächtnisse gespalten sei: für Westeuropa brach nach dem Zusammenbruch des Nazireichs Demokratie und Wohlstand an, für Osteuropa begann 1945 eine zweite Leidensphase mit der russischen „Einverleibung“ – diesen Teil der europäischen Geschichte wollen oder können die meisten Westeuropäer bis heute nicht nachvollziehen. Der Schirmherr der Dialogreihe, der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering erinnerte daran, dass der Prozess der europäischen Einheit ohne die Vertiefung des Geschichtsverständnisses und der Versöhnung noch unvollständig bleibt.
Wir reden über Europas Zukunft indes nicht ohne eine junge Generation
einzubinden: eine langjährige Zusammenarbeit mit den Studienkollegiaten zu Berlin befruchtet unsere Gespräche und Fragerunden. Wir sind neugierig, was junge Europäer über Europa denken, und wollen auch wissen, wie die Verständigung zwischen den Generationen vorangeht.
Und weil Europäer nicht nur über Köpfe, sondern auch über Herzen
sich zu ihrem Europäertum bekennen, pflegen wir unsere Gründungstradition, auch mal ganz ohne Worte über Europa und seine Kultur etwas mitzuteilen. Zwei dramatische, erschütternde Stimmen aus den neuen EU-Ländern, der ungarische Tenor Máté Sólyom-Nagy und die lettische Sopranistin Sonora Vaice gestalteten unsere letzten beiden Jahreskonzerte, und ließen unser Publikum erahnen, dass es auch noch eine andere Realität im Osten Europas gibt, als es den sparsamen deutschen Berichterstattungen zu entnehmen ist.
Der Vorsitzende