doppelgedächtnis: debatten für europa 5
22. Oktober 2008, Dresdner Bank am Pariser Platz

Vaira Vike-Freiberga (Lettland) und Stéphane Courtois (Frankreich)
Präsidentin der Republik Lettland a.D. Französischer Historiker, Herausgeber des "Schwarzbuch des Kommunismus"
Lesen Sie den Beitrag in der Anthologie Freiheit, ach Freiheit...
Am Abend fanden sich Interessierte der Veranstaltungsreihe im Atrium der Dresdner Bank ein. Nach der Doppelrede wurde das Thema „Gesellschaftlicher Umgang mit dem Kommunismus und dessen Verbrechen“ in einer Podiumsdiskussion vertieft (Moderator: Henryk M. Broder/ Publizist).

Die Hauptakteure des Abends
Vor den Reden der Hauptprotagonisten Vaira-Vika Freiberga und Stéphane Courtois wurde das Publikum zunächst vom Chef der Allianz Kulturstiftung Michael M. Thoss und von der Initiatorin Zsusa Breier begrüßt.
Gleicher Grundtenor in der Rede von Freiberga und der von Courtois:
Beide waren sich einig, dass die Verbrechen des Kommunismus in der heutigen Gesellschaft noch unzureichend aufgearbeitet sind und ein Bewusstsein dafür noch nicht ausreichend ausgeprägt ist.
Während Freiberga sich in ihrer Argumentation auf die osteuropäischen Staaten konzentrierte, beziehte sich Courtois auf die gesamteuropäische Entwicklung und bewertete diese aus historischer Sicht.
Freibergas Meinung über die beiden totalitären Systeme:
„Einige schwärmten [in den 30er und 40er Jahren] für Hitler, andere stellten Stalin aufs Podest, und keiner wollte wahrhaben, dass beide Diktatoren nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt zwei volle Jahre lang Verbündete und Freunde gewesen waren. […] Sie verschlossen hartnäckig die Augen vor der Tatsache, dass beide totalitäre Systeme Blutsgeschwister sind. Eben weil sie beide totalitär sind, entsprechen sie einander wie Spiegel: der eine verzerrt zur Rechten hin, der andere zur Linken hin verzerrt, aber bei verstümmelte, hässliche Zerrbilder der Werte des europäischen Humanismus, die über viele Jahrhunderte unter so hohen Kosten an menschlichem Leid und Mühsal entwickelt worden waren.“
Weitere Zitate aus ihrer Rede:
„Selbst die Geschichten, die zu uns gelangen, sind zumeist die Geschichten, wie sie die Sieger, nicht die Besiegten erzählen.“
„Wie schaffen wir es, Geschichte so zu schreiben, dass eine wirklich umfassende Gesamtschau vermittelt wird, nicht nur eine verengte, teleskopartig verkleinerte Sicht auf einen Teil davon?“
„Was unterrichtet werden sollte, ist das Bewusstsein, dass wir unser ganzes verbleibende Leben lang jede Chance ergreifen sollten, unsere Kenntnisse und unser Verständnis zu erweitern.“
Courtois differenziert im Umgang mit den kommunistischen Verbrechen drei Haupttendenzen in Europa:
Fazit: „Nur wenn die nach 1945 unter dem Kommunismus erlebte Tragödie anerkannt wird, nur wenn der Wille und die Bereitschaft bestehen, die Achtung des Lebens und der Würde des Menschen, des natürlichen Rechts und der Demokratie wieder zu erlernen, werden sich die so lange getrennten europäischen Brüder wieder vereinen."
DIE STIMME DES JUNGEN EUROPA: Julia Sterner, Stipendiatin des Studienkollegs zu Berlin

Das Publikum
Hubertus Knabe im Gespräch mit Vike-Freiberga
Moderator Henryk M.Broder mit Botschafter Marek Prawda
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Die Podiumsdiskussion
Aus der Presse: „Die Welt“
„Mit galligem Humor bittet der Moderator des Abends, der Publizist Henryk M. Broder, die frühere lettische Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga und den französischen Historiker Stéphane Courtois, […], um Erklärungshilfen.“
„Ein neuer Antikapitalismus verdrängt die Erinnerung an die Verbrechen des Kommunismus. Eine Veranstaltung in Berlin stemmte sich gegen diese Tendenz zum Vergessen.“
„[Die] ruhmreiche Erinnerung an den Kommunismus [in Westeuropa] verhinderte bis heute, beide totalitären Systeme, den Kommunismus und den Nationalsozialismus, vergleichend zu betrachten.“
„Trotzdem kann man sagen, dass in allen ehemaligen Volksdemokratien und in den 1939-1940 von der UdSSR annektierten Regionen der tragischen Ereignisse zur Zeit des Kommunismus in Gedenkstätten und Kapellen, durch die Veröffentlichung von Zeitzeugenberichten und in Filmen gedacht wird und die Historiker am Werk sind.“
„Im Osten gab es starke Ressentiments sowohl gegen den sowjetischen Unterdrücker und seine Erben als auch gegen die lange Gleichgültigkeit des Westens. Im Westen hatte man diese berechtigten Frust der Osteuropäer unterschätzt. Und in Russland wollte man die eigene Geschichte einfach nicht sehen und erging sich lieber in Frustrationen angesichts der gescheiterten Supermacht.“
Fazit: „Wie wir uns verhalten, wird ganz entscheidend das Europa prägen, in dem wir jetzt leben und das wir für die Zukunft bauen können. […] Was wir also brauchen, ist der gute alte Humanismus – nichts mehr als das. Aber auch nichts weniger.“
„Wenn es keine Zeugnisse der Vergangenheit gibt, dann kann es selbstverständlich auch keine Geschichte geben.“
Prof Horst Möller mit Gastgeberin Zsuzsa Breier