doppelgedächtnis: debatten für europa 10

15. Juli 2009, im Louise-Schroeder-Saal des Berliner Rathaus

Iveta Radicová (Slowakei) und Frans Timmermans (Niederlande)

                            
     

Gesprächsleitung: Stefan Theil (Newsweek)

   

"Am 1. April 1990 habe ich zum ersten Mal den Boden eines Landes hinter dem ehemaligen „Eisernen Vorhang“ betreten. Oxford – ich war voller Bewunderung und total gestresst. Die Sprache, die ich beherrschte, ähnelte derjenigen, mit der man sich in Großbritannien verständigte, nicht allzu sehr. Ich verstand die Leute nicht, nicht ihre verbale, vor allem aber nicht ihre nonverbale Kommunikation, nicht die Gepflogenheiten, die elementar für ein alltägliches Funktionieren sind. Diese angelernte Hilflosigkeit (ein Phänomen, über das wir in der Slowakei theoretische Studien verfasst haben) durchlebte ich in völliger Nacktheit. Ratlosigkeit, Tränen … und die Entschlossenheit ans Ziel zu gelangen. Bei einer Einladung an den „High Table“ begoss ich mich beim Ertönen des Gongs, der den Beginn des Abendessens ankündigte, mit Rotwein, und beim Versuch, die Situation zu retten, brachte ich nur einen einzigen Satz heraus: „Entschuldigung, ich bin aus dem Ostblock...“

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Rede von Iveta Radicová  Slowakisch   
       
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„Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht“ – sagte im Juni 1989 Gerhard Schröder (Bild-Zeitung, 11. Juni 1989), der später, im 15. Jubiläumsjahr des Mauerfalls als Bundeskanzler dann doch von einem „Glücksfall“ sprach. Im Jahr 1989 bezeichnete er die „Idee Wiedervereinigung“ „reaktionär und hochgradig gefährlich“. Damit war er nicht allein: der Fraktionsvorsitzende der Grünen im hessischen Landtag, Joschka Fischer hielt die Forderung nach der Wiedervereinigung für „eine gefährliche Illusion“ und schlug vor, „das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes aus der Verfassung (zu) streichen“. „Wiedervereinigung? Welch historischer Schwachsinn!“, meinte Oscar Lafontaine im Dezember 1989. Nobelpreisträger Günter Grass ging gegen die Wiedervereinigung mit dem Hinweis auf Auschwitz an: nach dem Mauerfall, im Dezember 1989 erklärte er dem Bundesparteitag der SPD in Berlin unter großem Beifall der Delegierten, die Deutschen hätten „wegen Auschwitz“ das Recht auf die Einheit des deutschen Volkes verwirkt. SPD-Präsidiumsmitglied Egon Bahr fünf Wochen vor der Grenzöffnung: "Lasst uns um alles in der Welt aufhören, von der Einheit zu träumen oder zu schwätzen." Und für Willy Brandt, der später den gerühmten Satz prägte: "Jetzt kommt zusammen, was zusammen gehört!", war die Hoffnung auf Wiedervereinigung im September 1989 „die Lebenslüge der Zweiten Republik"...

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Iveta Radicová  ist Soziologieprofessorin, sie war die erste weibliche Präsidenten-Kandidatin der Slowakei, gilt als Hoffnungsträger der christlich-demokratischer Oppositionsparteien der Slowakei.

Frans Timmermans ist Europaminister der Niederlande. Der studierte Europarechtler und Literaturwissenschaftler war Abgeordneter der sozialdemokratischen Partei der Arbeit (PvdA).

Was haben die Europäer im Osten und im Westen aus der Geschichte gelernt?   
Wie gehen die Gesellschaften mit der neu gewonnenen Freiheit um?
Was sind die Konsequenzen der geteilten Geschichte?
Teilen die Europäer ihre Geschichte?  Finden die getrennten Erinnerungen zusammen?