Abschlusskonferenz der Gesprächsreihe "Doppelgedächtnis: Debatten für Europa"
29/30 April 2010 Berlin
Die Konferenzbeiträge auf You Tube
Eckhard Fuhr (Moderator, Die Welt), Zsuzsa Breier (Initiatorin DIALOG.KULTUR.EUROPA e.V.), Markus Meckel (Veranstaltungspartner, Ratsvorsitzender Stiftung Aufarbeitung), Sven Felix Kellerhoff (Moderator, Die Welt) v.l.
Eine Veranstaltung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V., gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Bundesministerium des Innern
Medienpartner:
Schirmherr: der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek
Donnerstag, 29. April

Zsuzsa Breier eröffnet die Konferenz Grußworte von Stéphane Beemelmans (Bundesinnenministerium) und Markus Meckel
Podium I
Muss die Geschichte Europas nach dem Kalten Krieg neu geschrieben werden?
v.l.n.r.: Marianne Birthler, Jacques Schuster, Pawel Zalewski, Sandra Kalniete und Horst Möller
Sandra Kalniete, die in 2004 als lettische Außenministerin für Aufregung sorgte, weil sie die kommunistischen Verbrechen als „gleich kriminell“ wie die nazistischen Verbrechen bezeichnete, musste sich an der Konferenz Ende April 2010 nicht mehr dagegen wehren, sie wolle das faschistische Verbrechen verharmlosen. Diese Debatte hat sich in den letzten Jahren gelegt, nachdem die Aufarbeitung des Kommunismus in Deutschland und in Europa doch große Fortschritte verzeichnen konnte – und dies ohne den Faschismus dadurch relativiert zu haben.
Nur noch ein leiser Nachhall von der Debatte war spürbar: als Marianne Birthler, die Stasi-Beauftragte Deutschlands mit DDR-Biographie wünschte, auf die Osterweiterung der EU sollte eine “Westerweiterung der Erinnerung“ folgen, kam sofort die Frage, ob denn wirklich nur der Westen sein Geschichtsbild zu erweitern sollte. Ob der Osten sich angemessen um die Aufarbeitung des Holocaust verdient gemacht hat: die Frage nach der eigenen Schuld und nach Kollaboration stellte der Moderator mit Westbiographie Jaques Schuster.
Gerade Deutschen sei Zurückhaltung geboten, wenn sie andere Nationen an ihre faschistischen Greueltaten erinnern, meinte Birthler. Die Selbstreinigungsprozesse müssen zunächst in den Ländern selber erfolgen, so auch der deutsche Historiker mit Westbiographie Horst Möller
Der polnische Abgeordnete Pawel Zalewski, ehemaliger Bürgerrechtler und Historiker brachte das Stichwort Popularisierung ins Spiel: er sehe einen großen Nachholbedarf in der Popularisierung der osteuropäischen Geschichte im Westen. Bedauerlich sei, dass die erfolgreiche politische und wirtschaftliche Integration der ehemaligen Ostblockländer nicht von einer mental-gesellschaftlichen Integration gekrönt wurde. Solange die Geschichte Osteuropas dem Westen fremd bleibt, kommen wir nicht weiter auf dem Wege der europäischen Verständigung.

Olga Cárdaba González spielt Viola, Yuko Nagashima Klavier.
Das Konzert galt dem Gedenken an die Opfer des polnischen Flugzeugsunglücks
Ermöglicht wurde das Konzert durch die Unterstützung von Felix Schwarz (Trio Appollon) (Mitte), vielen Dank!
Freitag, 30. April
Podium II
Von Diktaturen zu mündigen Bürgern in Freiheit?
Alvyas Nikzentaitis Sven Felix Kellerhof
Haben sich die Zivilgesellschaften im Osten und im Westen Europas von den Zerstörungen durch die Diktaturen erholt?
Gilt nach dem Scheitern und dem Erfolg des Widerstands gegen Nationalsozialismus und Kommunismus der Universalanspruch der demokratischen Zivilgesellschaft?
Ulrike Ackermann
Freiheit ist anstrengend, so die deutsche Freiheitsforscherin mit Westbiographie Ulrike Ackermann, und in der Freiheit wächst die Sehnsucht nach Sicherheit und väterlicher Fürsorge. Es ist bequemer, unmündig zu sein – und zur Mündigkeit kann man keinen zwingen.
Elena Nemirovskaya Sven Felix Kellerhof
Podium III
Das Denken über Faschismus und Kommunismus im vereinten Europa

Richard Herzinger Martin Sabrow Maria Schmidt
Die Geschichte hat, im Gegensatz zu dem Menschen, ein Langzeitgedächtnis, erwiderten deutsche Historiker mit Westbiographie. Erst nach 40 Jahren drängt das individuelle Gedächtnis danach, ins Kollektive zu übergehen, argumentierte Andreas Wirsching – so sei es 20 Jahre danach noch zu früh, das Erlebte/Erlittene in einem gemeinsamen europäischen Gedächtnis zusammenzufügen mit dem, was früher ereignete. So führt zwar von Auschwitz zum Gulag – aus Ungleichzeitigkeit oder aus Ungleichmäßigkeit – kein gemeinsamer Erinnerungsweg. Das bedeutet aber nicht, dass man dem berechtigten Anspruch aus dem Osten, der Geschichte des Gulag eine größere politische und historische Beachtung zu widmen, nicht nachkommen sollte.
Martin Sabrow bot nach den eigenen Worten ein Kontrastprogramm, indem er die „Gulag-orientierte Identität“ und „Holocaust-orientierte Identität“ als Befund für die erkennbare, aber aus seiner Sicht nicht tragische Spaltung der europäischen Erinnerung vorfand, um die beiden in ihrer Tiefenstruktur doch vereint wiederzufinden: Europäer verständigen sich heute über die Vergangenheit doch „unter einem weitgehend angeglichenem Wertehimmel“ – so wurde doch die reinigende, die heilende Kraft der Erinnerung zum europäisches Identitätsmerkmal.
Andreas Wirsching Valters Nollendorfs
Der lettische Germanistikprofessor Valters Nollendorfs stellte tatsächlich Mängel in der öffentlichen Wahrnehmung der faschistischen Verbrechen in Lettland fest. Da gäbe es eine Kluft zwischen der Öffentlichkeit und der Forschung, die auch dieses Geschichtskapitel angemessen erschlossen hat. Wenig bekannt im Westen ist die im Baltikum doch sehr differenziert aufgearbeitete Geschichte der Kollaboration, die Generationen beschäftigt hat und nicht mit einem im Westen bekannten Schema zu beschreiben ist. Das Baltikum erlitt eine dreifache Besetzung: auf den roten Terror folgten die Nazis, auf die Nazis der zweite Rote Terror. Tatsächlich haben viele die Nazis als Zwischenbesetzung mit Erleichterungen zwischen zwei an Brutalität kaum zu übertreffenden kommunistischen Terror-Phasen erlebt. Zudem war Kollaboration immer auch Widerstand: wer gegen die Nazis kämpfte, war Widerstandskämpfer und zugleich Kollaborant der Russen; wer gegen den Roten Terror kämpfte, war Kollaborant der Nazis und Widerstandskämpfer gegen die russischen Besetzer.
Podium IV
Junge Europäer wollen wissen...
Rudolf Jindrak
Die Schrecken der Diktatur dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Denn das wäre genau so fatal für die Demokratie, wie der Verlust der Freiheit. Erst die Sehnsucht nach der Freiheit hat doch das heutige Europa ermöglicht, erst Freiheitskämpfer wie Jan Palach, erinnerte der Botschafter von Tschechien Rudolf Jindrák, erkämpften die Freiheit, die für eine junge Generation heute im Ostblock genauso zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, wie im Westen seit Kriegsende. die Schrecken der Diktatur dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Denn das wäre genau so fatal für die Demokratie, wie der Verlust der Freiheit. Erst die Sehnsucht nach der Freiheit hat doch das heutige Europa ermöglicht, erst Freiheitskämpfer wie Jan Palach, erinnerte der Botschafter von Tschechien Rudolf Jindrák, erkämpften die Freiheit, die für eine junge Generation heute im Ostblock genauso zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, wie im Westen seit Kriegsende.
Milan Zver
. Es bleibt uns nicht erspart, unsere europäischen Werte aktiv zu pflegen. Forschung und Aufarbeitung können viel bewirken – letztlich käme es darauf an, ob Europas Bürger diese Werte wirklich leben: „Become citizen, not just a member“ appellierte der slowenische Europa-Abgeordnete Milan Zver. Und er fügte noch hinzu: Geschichte ist eine gute Schule, sie braucht nur mehr Schüler.
Bernd Faulenbach
Podium V
Teilen Europäer ihre Geschichte?
Eckhard Fuhr Markus Meckel
In der einen Diktatur die andere Diktatur aufzuarbeiten – wie soll denn das gehen? Markus Meckel, der letzte Außenminister der DDR erinnerte an die falschen Geschichtsbilder, die die Ostblock-Bürger auch innerhalb des sozialistischen Lagers gegenseitig aufgetischt bekamen – Ostdeutsche und Polen, Slowaken, Rumänen und Ungarn wussten erschreckend wenig und auch das umgekehrt über die wahre Geschichte ihres Nachbarn. Aber gerade die Geschichte des Kalten Krieges, die mit dem Sturz und dem Zerfall der kommunistischen Lügen endete, beweist: Geschichte bleibt nicht unaufgedeckt.
Joachim Scholtyseck
Für den deutschen Historiker mit Westbiographie Joachim Scholtyseck, der das Tagungsmotto „Europa erinnert sich für die Zukunft“ in „Europa vergisst für die Zukunft“ verwandelte, steht fest: Wissen und Erinnerung gehen leicht verloren. Und doch sollten wir wenigstens eins aufbewahren: die Schrecken der Diktatur dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Denn das wäre genau so fatal für die Demokratie, wie der Verlust der Freiheit.
Dragomir Ivanov
Abschlusspodium
Was haben wir erreicht? Wie geht es weiter?
Jaques Schuster
Dass es nicht möglich, und vielleicht auch nicht notwendig ist, ein gemeinsames europäisches Gedächtnis zu generieren – darin waren die Konferenzteilnehmer fast einstimmig einig, auch wenn sie unterschiedlich argumentierten. Zu oberflächlich seien die Kenntnisse, zu unterschiedlich die Erfahrungen. Mittel- und Osteuropa seien dem Westen bis heute fremd. Asymmetrien, Ignoranz und Arroganz hindern die Verständigung. Europäer tun sich damit noch immer schwer – im Gegensatz zu ihren deklarierten Offenheit – eine andere Sicht auf die Geschichte als legitim anzuerkennen. Zu leicht wäre eine unter einen Kamm gescherte Geschichte mit einem hegemonialem Anspruch verbundenDass es nicht möglich, und vielleicht auch nicht notwendig ist, ein gemeinsames europäisches Gedächtnis zu generieren – darin waren die Konferenzteilnehmer fast einstimmig einig, auch wenn sie unterschiedlich argumentierten. Zu oberflächlich seien die Kenntnisse, zu unterschiedlich die Erfahrungen. Mittel- und Osteuropa seien dem Westen bis heute fremd. Asymmetrien, Ignoranz und Arroganz hindern die Verständigung. Europäer tun sich damit noch immer schwer – im Gegensatz zu ihren deklarierten Offenheit – eine andere Sicht auf die Geschichte als legitim anzuerkennen. Zu leicht wäre eine unter einen Kamm gescherte Geschichte mit einem hegemonialem Anspruch verbunden

Marek Prawda
Wie bedrückend die Geschichte und wie heilend die Aufarbeitung sein kann, zeigte Marek Prawda, der Botschafter Polens in Deutschland, am Beispiel von Katyn. Katyn, der von den Russen lange verheimlichte und verschwiegene Schauplatz stalinistischer Massaker, erst vor kurzem kam es zum ersten polnisch-russischen Versöhnungsakt, als die polnische Präsidentenmaschine unterwegs zur Gedenkveranstaltung tragisch verunglückte, ist für Prawda zum Symbol der Überwindung der polnischen Vergangenheit geworden

Eckart von Klaeden
Staatsminister Eckart von Klaeden sieht in der gegenseitigen Vertrauensbildung die große Chance der Europäer – reden wir nicht über die guten Beziehungen, reden wir darüber, was wir gemeinsam anpacken müssen und wollen. Mit dem Bibel-Zitat „Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit“ rief von Klaeden noch zwei ebenfalls schwer errungene europäische Werte in Erinnerung. Frieden und Gerechtigkeit, die heute unser Leben so komfortabel und so menschenwürdig machen, sind genauso wenig Selbstläufer, wie die Freiheit. Staatsminister Eckart von Klaeden sieht in der gegenseitigen Vertrauensbildung die große Chance der Europäer – reden wir nicht über die guten Beziehungen, reden wir darüber, was wir gemeinsam anpacken müssen und wollen. Mit dem Bibel-Zitat „Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit“ rief von Klaeden noch zwei ebenfalls schwer errungene europäische Werte in Erinnerung. Frieden und Gerechtigkeit, die heute unser Leben so komfortabel und so menschenwürdig machen, sind genauso wenig Selbstläufer, wie die Freiheit.
Richard Schröder Andreja Valic
Resümee
Europa - die beste politische Idee des 20. Jahrhunderts - in der Krise?
Die Konferenz „Europa erinnert sich für die Zukunft“ stellte die Frage nach der Aufarbeitung vor dem Hintergrund der europäischen Verständigung und Versöhnung. 27 Europäer: Historiker, Politiker und Autoren berichteten über die Erfolge und Versäumnisse der Aufarbeitung in ihren Ländern, und nahmen Stellung dazu, wie über die europäischen Werte, über Freiheit und Menschenwürde im Westen und im Osten Europas gedacht wird. (mehr..)
Zsuzsa Breier (DIALOG.KULTUR.EUROPA) und Thomas Schmid (Die Welt Gruppe) resümieren
Europa erinnert sich für die Zukunft
Abschlusskonferenz der Gesprächsreihe "Doppelgedächtnis: Debatten für Europa"
Schirmherr: der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek
Medienpartner: Die Welt
Veranstaltungsort: Europäische Akademie Berlin
Eröffnung am 29. April 18.30 mit
Olga Cárdaba González (Viola), Yuko Nagashima (Klavier).
Johann Sebastian Bach: Sonate g-Moll BWV 1029
George Enescu: Konzertstück
In Gedenken an die Opfer des polnischen Flugzeugsunglücks
Mehr zum Konzert
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur und des Bundesministerium des Innern.
Kooperationspartner: Bundeszentrale für Politische Bildung, Europäische Akademie Berlin.
Mit u.a.
Marianne Birthler (Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), Sandra Kalniete (MdEP, Kommissarin a.D., Außenministerin a.D.), Markus Meckel (Außenminister a.D.), Maria Schmidt (Haus des Terrors, Budapest), Ulrike Ackermann (Politikwissenschaftlerin, Universität Heidelberg), Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Germina Nagat(Romanian National Council for Studying of Securitate Archives), Bernd Faulenbach (Ruhr-Universität Bochum), Andreja Valic (Slowenisches Forschungszentrum für Nationale Versöhnung), Joachim Scholtyseck (Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn), Alvidas Nikzentaitis (Historisches Institut der Akademie der Wissenschaften, Litauen), Marek Prawda (Soziologe, Botschafter Polen), Pawel Zalewski (MdEP,Polen), Andreas Wirsching (Universität Augsburg), Milan Zver (MdEP, Slowenien), Rudolph Jindrák (Jurist, Botschafter Tschechien) u.a.
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