Resümee

von der Initiatorin Zsuzsa Breier

Europa - die beste politische Idee des 20. Jahrhunderts - in der Krise?


Während gegenwärtig die Sorge über die Euro-Krise die Schlagzeilen beherrscht und auch darüber gerätselt wird, ob sie nicht den Kern der Idee Europa betrifft, scheint die Frage des europäischen Zusammenwachsens in den Hintergrund zu rücken - sosehr sie auch zu den existentiellen Fragen Europas gehört.

Die Konferenz „Europa erinnert sich für die Zukunft“, veranstaltet von der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa, ein Forum für den Dialog Ost-West, stellte die Frage nach der Aufarbeitung vor dem Hintergrund der europäischen Verständigung, ja Versöhnung. 27 Europäer, Historiker, Politiker und Autoren berichteten über die Erfolge und Versäumnisse der Aufarbeitung in ihren Ländern, und nahmen Stellung dazu, wie über die europäischen Werte wie Freiheit und Menschenwürde, im Westen und im Osten Europas gedacht wird.
Europa - die beste politische Idee des 20. Jahrhunderts - in der Krise?

Während gegenwärtig die Sorge über die Euro-Krise die Schlagzeilen beherrscht und auch darüber gerätselt wird, ob sie nicht den Kern der Idee Europa betrifft, scheint die Frage des europäischen Zusammenwachsens in den Hintergrund zu rücken - sosehr sie auch zu den existentiellen Fragen Europas gehört.

Die Konferenz „Europa erinnert sich für die Zukunft“, veranstaltet von der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa, ein Forum für den Dialog Ost-West, stellte die Frage nach der Aufarbeitung vor dem Hintergrund der europäischen Verständigung, ja Versöhnung. 27 Europäer, Historiker, Politiker und Autoren berichteten über die Erfolge und Versäumnisse der Aufarbeitung in ihren Ländern, und nahmen Stellung dazu, wie über die europäischen Werte wie Freiheit und Menschenwürde, im Westen und im Osten Europas gedacht wird.

Die Debatte um den Umgang mit Diktaturen und Freiheit war die Abschlussveranstaltung einer zweijährigen Gesprächsreihe, die noch zu einer günstigeren Stunde der Europäer gestartet wurde. Vor zwei Jahren stand im Zentrum des europäischen Denkens das „Glücksmoment der Europäer“: man feierte 20 Jahre Mauerfall, den Sturz der kommunistischen Diktatur in Osteuropa, die Freiheit und die Einheit der Europäer, die Erweiterung der EU. Die Frage war nicht, wie heute, ob Europa in einer existentiellen Krise ist, sondern wie das Zusammenwachsen der ehemaligen beider Hälften des Kontinents vorangetrieben werden kann. Es wurde nach den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden gefragt, und besonders augenfällig war dabei das vom Osten beklagte Fehlen eines gemeinsamen historischen Verständnisses. Das vom Osten erlebte und erlittene Geschichtskapitel ist bis heute nicht vollständig aufgenommen in die europäischen Geschichtsbücher – schlimmer noch, es fand auch keinen Eingang in das öffentliche Bewusstsein der Europäer. Sosehr das Ende des Kalten Krieges für alle Europäer eine positive historische Zäsur bedeutete – außer den Verlierern des ideologischen Krieges, den ehemaligen kommunistischen Machthaben, die heute im Osten und im Westen Europas weitgehend noch immer oder wieder eine Rolle in der Europas Politikgestaltung spielen –, zu der Freude über das neue, erweiterte Europa gesellte sich die Sorge darüber, ob und was die Europäer aus den totalitären Systemen für die Zukunft gelernt haben, ob sie das Wissen über die beiden Diktaturen teilen.

Sandra Kalniete, die in 2004 als lettische Außenministerin für Aufregung sorgte, weil sie die kommunistischen Verbrechen als „gleich kriminell“ wie die nazistischen Verbrechen bezeichnete, musste sich an der Konferenz Ende April 2010 nicht mehr dagegen wehren, sie wolle das faschistische Verbrechen verharmlosen. Diese Debatte hat sich in den letzten Jahren gelegt, nachdem die Aufarbeitung des Kommunismus in Deutschland und in Europa doch große Fortschritte verzeichnen konnte – und dies ohne den Faschismus dadurch relativiert zu haben. Nur noch ein leiser Nachhall von der Debatte war spürbar: als Marianne Birthler, die Stasi-Beauftragte Deutschlands mit DDR-Biographie wünschte, auf die Osterweiterung der EU sollte eine “Westerweiterung der Erinnerung“ folgen, kam sofort die Frage, ob denn wirklich nur der Westen sein Geschichtsbild zu erweitern sollte. Ob der Osten sich angemessen um die Aufarbeitung des Holocaust verdient gemacht hat: die Frage nach der eigenen Schuld und nach Kollaboration stellte der Moderator mit Westbiographie Jaques Schuster. Es ist in den Ost-West-Geschichtsdebatten fast zu einem Ritual geworden: bringen Osteuropäer kommunistische Verbrechen ins Gespräch, folgt darauf die Replik aus dem Westen, die Frage nach der Aufarbeitung der Faschismus. Mehrfach habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie man nach so einem Gespräch auseinandergeht: der aus dem Osten denkt, nichts aus unserer Geschichte hat der aus dem Westen verstanden; der aus dem Westen denkt, der Osten hat immer noch nicht seine Hausaufgaben gemacht. Ein erfrischendes Ergebnis der Konferenz war die spürbare Annäherung in dieser Frage. Der lettische Germanistikprofessor Valters Nollendorfs stellte tatsächlich Mängel in der öffentlichen Wahrnehmung der faschistischen Verbrechen in Lettland fest. Da gäbe es eine Kluft zwischen der Öffentlichkeit und der Forschung, die auch dieses Geschichtskapitel angemessen erschlossen hat. Wenig bekannt im Westen ist die im Baltikum doch sehr differenziert aufgearbeitete Geschichte der Kollaboration, die Generationen beschäftigt hat und nicht mit einem im Westen bekannten Schema zu beschreiben ist. Das Baltikum erlitt eine dreifache Besetzung: auf den roten Terror folgten die Nazis, auf die Nazis der zweite Rote Terror. Tatsächlich haben viele die Nazis als Zwischenbesetzung mit Erleichterungen zwischen zwei an Brutalität kaum zu übertreffenden kommunistischen Terror-Phasen erlebt. Zudem war Kollaboration immer auch Widerstand: wer gegen die Nazis kämpfte, war Widerstandskämpfer und zugleich Kollaborant der Russen; wer gegen den Roten Terror kämpfte, war Kollaborant der Nazis und Widerstandskämpfer gegen die russischen Besetzer.

Gerade Deutschen sei Zurückhaltung geboten, wenn sie andere Nationen an ihre faschistischen Greueltaten erinnern, meinte Birthler. Die Selbstreinigungsprozesse müssen zunächst in den Ländern selber erfolgen, so auch der deutsche Historiker mit Westbiographie Horst Möller. Die russische Politologin Elena Nemirowskaja bestätigte: die besten Gulag-Bücher sind von Russen geschrieben worden. Eine bittere Ergänzung allerdings ist es, wenn dies Russland nicht daran hindere, Moskaus Straßen mit Stalin-Porträts zu schmücken. Möller blieb dabei: das Bewusstsein für Schuld muss in den einzelnen Ländern wachsen. Wenn die Forschung ihre Aufgaben tut, ist das ein wichtiger Schritt. Geschichte aber brauche nicht nur Aufarbeitung, sondern auch Popularisierung. Das Stichwort Popularisierung brachte vorhin der polnische Abgeordnete Pawel Zalewski, ehemaliger Bürgerrechtler und Historiker ins Spiel: er sehe einen großen Nachholbedarf in der Popularisierung der osteuropäischen Geschichte im Westen. Bedauerlich sei, dass die erfolgreiche politische und wirtschaftliche Integration der ehemaligen Ostblockländer nicht von einer mental-gesellschaftlichen Integration gekrönt wurde. Solange die Geschichte Osteuropas dem Westen fremd bleibt, kommen wir nicht weiter auf dem Wege der europäischen Verständigung.

Dass es nicht möglich, und vielleicht auch nicht notwendig ist, ein gemeinsames europäisches Gedächtnis zu generieren – darin waren die Konferenzteilnehmer fast einstimmig einig, auch wenn sie unterschiedlich argumentierten. Zu oberflächlich seien die Kenntnisse, zu unterschiedlich die Erfahrungen. Mittel- und Osteuropa seien dem Westen bis heute fremd. Asymmetrien, Ignoranz und Arroganz hindern die Verständigung. Europäer tun sich damit noch immer schwer – im Gegensatz zu ihren deklarierten Offenheit – eine andere Sicht auf die Geschichte als legitim anzuerkennen. Zu leicht wäre eine unter einen Kamm gescherte Geschichte mit einem hegemonialem Anspruch verbunden. Osteuropäer seien skeptisch gegenüber „Lehrmeister“, die ihre Erfahrung nicht teilen. Auch Deutsche neigen Deutsche dazu, auf ihre eigene Geschichte zu konzentrieren. So treffend Richard von Weizsäckers Wort „Befreiung“ im Mai 1985 für das Kriegsende auch war – für Osteuropäer ist das Wort unmöglich, erinnerte Möller. Den Beginn von 40 Jahren kommunistische Diktatur und Fremdbeherrschung kann man unmöglich mit dem Wort „Befreiung“ beschreiben. Direkt in die Zerstörung hinein kam doch eine zweite Diktatur, die von vornherein die Aufarbeitung des Faschismus, wie die Versöhnung der Europäer verhinderte. Denn wie hätte auch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Nazi-Schuld Polen gegenüber, ausgehend von der antifaschistischen DDR, unter der angeordneten Verbrüderlichung im sozialistischen Block stattfinden können, fragte Birthler.

In der einen Diktatur die andere Diktatur aufzuarbeiten – wie soll denn das gehen? Markus Meckel, der letzte Außenminister der DDR erinnerte an die falschen Geschichtsbilder, die die Ostblock-Bürger auch innerhalb des sozialistischen Lagers gegenseitig aufgetischt bekamen – Ostdeutsche und Polen, Slowaken, Rumänen und Ungarn wussten erschreckend wenig und auch das umgekehrt über die wahre Geschichte ihres Nachbarn. Aber gerade die Geschichte des Kalten Krieges, die mit dem Sturz und dem Zerfall der kommunistischen Lügen endete, beweist: Geschichte bleibt nicht unaufgedeckt. Auf die gelegentliche Ungeduld vieler Osteuropäer angesichts der zögerlichen Aufarbeitung traf ein doch entspannteres und optimistisches Geschichtsbild aus dem Westen. Während Kalniete beklagte, eine „Entbolschewisierung“ wie die „Entnazifizierung“ fand bis heute nicht statt, und es sei für sie persönlich auch geradezu beunruhigend, dass ehemalige kommunistische Verbrecher, Gegner der europäischen Demokratie, die vor einigen Jahren Demokraten noch ins Gefängnis steckten, heute im Europäischen Parlament sitzen.

Die Geschichte hat, im Gegensatz zu dem Menschen, ein Langzeitgedächtnis, erwiderten deutsche Historiker mit Westbiographie. Erst nach 40 Jahren drängt das individuelle Gedächtnis danach, ins Kollektive zu übergehen, argumentierte Andreas Wirsching – so sei es 20 Jahre danach noch zu früh, das Erlebte/Erlittene in einem gemeinsamen europäischen Gedächtnis zusammenzufügen mit dem, was früher ereignete. So führt zwar von Auschwitz zum Gulag – aus Ungleichzeitigkeit oder aus Ungleichmäßigkeit – kein gemeinsamer Erinnerungsweg. Das bedeutet aber nicht, dass man dem berechtigten Anspruch aus dem Osten, der Geschichte des Gulag eine größere politische und historische Beachtung zu widmen, nicht nachkommen sollte. Martin Sabrow bot nach den eigenen Worten ein Kontrastprogramm, indem er die „Gulag-orientierte Identität“ und „Holocaust-orientierte Identität“ als Befund für die erkennbare, aber aus seiner Sicht nicht tragische Spaltung der europäischen Erinnerung vorfand, um die beiden in ihrer Tiefenstruktur doch vereint wiederzufinden: Europäer verständigen sich heute über die Vergangenheit doch „unter einem weitgehend angeglichenem Wertehimmel“ – so wurde doch die reinigende, die heilende Kraft der Erinnerung zum europäisches Identitätsmerkmal.

Wie bedrückend die Geschichte und wie heilend die Aufarbeitung sein kann, zeigte Marek Prawda, der Botschafter Polens in Deutschland, am Beispiel von Katyn. Katyn, der von den Russen lange verheimlichte und verschwiegene Schauplatz stalinistischer Massaker, erst vor kurzem kam es zum ersten polnisch-russischen Versöhnungsakt, als die polnische Präsidentenmaschine unterwegs zur Gedenkveranstaltung tragisch verunglückte, ist für Prawda zum Symbol der Überwindung der polnischen Vergangenheit geworden: Katyn steht trotzt der Doppeltragödie nicht mehr für den polnischen Leidensweg, sondern für deren Überwindung. Erinnerung kann lähmen oder anspornen. Für Prawda kommt es heute in Europa darauf an, ob es gelingt, von den negativen Erlebnissen abzurücken und auf das mit 1989 errungene positive Gemeinschaftsgefühl zu setzen. Denn das ist die Grundlage des heutigen Europa – 1989 gelang ein erstes Mal eine Politik, die sich gegen niemanden richtet, sondern im Gegenteil – auf das Gemeinsame und auf das Positive setzt.

Für den deutschen Historiker mit Westbiographie Joachim Scholtyseck, der das Tagungsmotto „Europa erinnert sich für die Zukunft“ in „Europa vergisst für die Zukunft“ verwandelte, steht fest: Wissen und Erinnerung gehen leicht verloren. Und doch sollten wir wenigstens eins aufbewahren: die Schrecken der Diktatur dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Denn das wäre genau so fatal für die Demokratie, wie der Verlust der Freiheit. Erst die Sehnsucht nach der Freiheit hat doch das heutige Europa ermöglicht, erst Freiheitskämpfer wie Jan Palach, erinnerte der Botschafter von Tschechien Rudolf Jindrák, erkämpften die Freiheit, die für eine junge Generation heute im Ostblock genauso zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, wie im Westen seit Kriegsende. Einer der Grundwerte der europäischen Demokratie muss am intensivsten gepflegt werden, regte Zalewski an. Denn solange die Freiheit fehlt, hat sie einen hohen Wert (wie viele Osteuropäer opferten ihr Leben dafür), seitdem sie errungen ist, verliert sie an Attraktivität. Freiheit ist anstrengend, so die deutsche Freiheitsforscherin mit Westbiographie Ulrike Ackermann, und in der Freiheit wächst die Sehnsucht nach Sicherheit und väterlicher Fürsorge. Es ist bequemer, unmündig zu sein – und zur Mündigkeit kann man keinen zwingen.

Wie soll es gelingen, in Europa das zu vergessen, was eine Versöhnung hindert und das in Erinnerung zu behalten, was Verständigung und den gemeinsamen Weg der Europäer ermöglicht. Staatsminister Eckart von Klaeden sieht in der gegenseitigen Vertrauensbildung die große Chance der Europäer – reden wir nicht über die guten Beziehungen, reden wir darüber, was wir gemeinsam anpacken müssen und wollen. Mit dem Bibel-Zitat „Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit“ rief von Klaeden noch zwei ebenfalls schwer errungene europäische Werte in Erinnerung. Frieden und Gerechtigkeit, die heute unser Leben so komfortabel und so menschenwürdig machen, sind genauso wenig Selbstläufer, wie die Freiheit. Es bleibt uns nicht erspart, unsere europäischen Werte aktiv zu pflegen. Forschung und Aufarbeitung können viel bewirken – letztlich käme es darauf an, ob Europas Bürger diese Werte wirklich leben: „Become citizen, not just a member“ appellierte der slowenische Europa-Abgeordnete Milan Zver. Und er fügte noch hinzu: Geschichte ist eine gute Schule, sie braucht nur mehr Schüler.

Europa - die beste politische Idee des 20. Jahrhunderts - in der Krise?

Während gegenwärtig die Sorge über die Euro-Krise die Schlagzeilen beherrscht und auch darüber gerätselt wird, ob sie nicht den Kern der Idee Europa betrifft, scheint die Frage des europäischen Zusammenwachsens in den Hintergrund zu rücken - sosehr sie auch zu den existentiellen Fragen Europas gehört.

Die Konferenz „Europa erinnert sich für die Zukunft“, veranstaltet von der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa, ein Forum für den Dialog Ost-West, stellte die Frage nach der Aufarbeitung vor dem Hintergrund der europäischen Verständigung, ja Versöhnung. 27 Europäer, Historiker, Politiker und Autoren berichteten über die Erfolge und Versäumnisse der Aufarbeitung in ihren Ländern, und nahmen Stellung dazu, wie über die europäischen Werte wie Freiheit und Menschenwürde, im Westen und im Osten Europas gedacht wird.

Die Debatte um den Umgang mit Diktaturen und Freiheit war die Abschlussveranstaltung einer zweijährigen Gesprächsreihe, die noch zu einer günstigeren Stunde der Europäer gestartet wurde. Vor zwei Jahren stand im Zentrum des europäischen Denkens das „Glücksmoment der Europäer“: man feierte 20 Jahre Mauerfall, den Sturz der kommunistischen Diktatur in Osteuropa, die Freiheit und die Einheit der Europäer, die Erweiterung der EU. Die Frage war nicht, wie heute, ob Europa in einer existentiellen Krise ist, sondern wie das Zusammenwachsen der ehemaligen beider Hälften des Kontinents vorangetrieben werden kann. Es wurde nach den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden gefragt, und besonders augenfällig war dabei das vom Osten beklagte Fehlen eines gemeinsamen historischen Verständnisses. Das vom Osten erlebte und erlittene Geschichtskapitel ist bis heute nicht vollständig aufgenommen in die europäischen Geschichtsbücher – schlimmer noch, es fand auch keinen Eingang in das öffentliche Bewusstsein der Europäer. Sosehr das Ende des Kalten Krieges für alle Europäer eine positive historische Zäsur bedeutete – außer den Verlierern des ideologischen Krieges, den ehemaligen kommunistischen Machthaben, die heute im Osten und im Westen Europas weitgehend noch immer oder wieder eine Rolle in der Europas Politikgestaltung spielen –, zu der Freude über das neue, erweiterte Europa gesellte sich die Sorge darüber, ob und was die Europäer aus den totalitären Systemen für die Zukunft gelernt haben, ob sie das Wissen über die beiden Diktaturen teilen.

Sandra Kalniete, die in 2004 als lettische Außenministerin für Aufregung sorgte, weil sie die kommunistischen Verbrechen als „gleich kriminell“ wie die nazistischen Verbrechen bezeichnete, musste sich an der Konferenz Ende April 2010 nicht mehr dagegen wehren, sie wolle das faschistische Verbrechen verharmlosen. Diese Debatte hat sich in den letzten Jahren gelegt, nachdem die Aufarbeitung des Kommunismus in Deutschland und in Europa doch große Fortschritte verzeichnen konnte – und dies ohne den Faschismus dadurch relativiert zu haben. Nur noch ein leiser Nachhall von der Debatte war spürbar: als Marianne Birthler, die Stasi-Beauftragte Deutschlands mit DDR-Biographie wünschte, auf die Osterweiterung der EU sollte eine “Westerweiterung der Erinnerung“ folgen, kam sofort die Frage, ob denn wirklich nur der Westen sein Geschichtsbild zu erweitern sollte. Ob der Osten sich angemessen um die Aufarbeitung des Holocaust verdient gemacht hat: die Frage nach der eigenen Schuld und nach Kollaboration stellte der Moderator mit Westbiographie Jaques Schuster. Es ist in den Ost-West-Geschichtsdebatten fast zu einem Ritual geworden: bringen Osteuropäer kommunistische Verbrechen ins Gespräch, folgt darauf die Replik aus dem Westen, die Frage nach der Aufarbeitung der Faschismus. Mehrfach habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie man nach so einem Gespräch auseinandergeht: der aus dem Osten denkt, nichts aus unserer Geschichte hat der aus dem Westen verstanden; der aus dem Westen denkt, der Osten hat immer noch nicht seine Hausaufgaben gemacht. Ein erfrischendes Ergebnis der Konferenz war die spürbare Annäherung in dieser Frage. Der lettische Germanistikprofessor Valters Nollendorfs stellte tatsächlich Mängel in der öffentlichen Wahrnehmung der faschistischen Verbrechen in Lettland fest. Da gäbe es eine Kluft zwischen der Öffentlichkeit und der Forschung, die auch dieses Geschichtskapitel angemessen erschlossen hat. Wenig bekannt im Westen ist die im Baltikum doch sehr differenziert aufgearbeitete Geschichte der Kollaboration, die Generationen beschäftigt hat und nicht mit einem im Westen bekannten Schema zu beschreiben ist. Das Baltikum erlitt eine dreifache Besetzung: auf den roten Terror folgten die Nazis, auf die Nazis der zweite Rote Terror. Tatsächlich haben viele die Nazis als Zwischenbesetzung mit Erleichterungen zwischen zwei an Brutalität kaum zu übertreffenden kommunistischen Terror-Phasen erlebt. Zudem war Kollaboration immer auch Widerstand: wer gegen die Nazis kämpfte, war Widerstandskämpfer und zugleich Kollaborant der Russen; wer gegen den Roten Terror kämpfte, war Kollaborant der Nazis und Widerstandskämpfer gegen die russischen Besetzer.

Gerade Deutschen sei Zurückhaltung geboten, wenn sie andere Nationen an ihre faschistischen Greueltaten erinnern, meinte Birthler. Die Selbstreinigungsprozesse müssen zunächst in den Ländern selber erfolgen, so auch der deutsche Historiker mit Westbiographie Horst Möller. Die russische Politologin Elena Nemirowskaja bestätigte: die besten Gulag-Bücher sind von Russen geschrieben worden. Eine bittere Ergänzung allerdings ist es, wenn dies Russland nicht daran hindere, Moskaus Straßen mit Stalin-Porträts zu schmücken. Möller blieb dabei: das Bewusstsein für Schuld muss in den einzelnen Ländern wachsen. Wenn die Forschung ihre Aufgaben tut, ist das ein wichtiger Schritt. Geschichte aber brauche nicht nur Aufarbeitung, sondern auch Popularisierung. Das Stichwort Popularisierung brachte vorhin der polnische Abgeordnete Pawel Zalewski, ehemaliger Bürgerrechtler und Historiker ins Spiel: er sehe einen großen Nachholbedarf in der Popularisierung der osteuropäischen Geschichte im Westen. Bedauerlich sei, dass die erfolgreiche politische und wirtschaftliche Integration der ehemaligen Ostblockländer nicht von einer mental-gesellschaftlichen Integration gekrönt wurde. Solange die Geschichte Osteuropas dem Westen fremd bleibt, kommen wir nicht weiter auf dem Wege der europäischen Verständigung.

Dass es nicht möglich, und vielleicht auch nicht notwendig ist, ein gemeinsames europäisches Gedächtnis zu generieren – darin waren die Konferenzteilnehmer fast einstimmig einig, auch wenn sie unterschiedlich argumentierten. Zu oberflächlich seien die Kenntnisse, zu unterschiedlich die Erfahrungen. Mittel- und Osteuropa seien dem Westen bis heute fremd. Asymmetrien, Ignoranz und Arroganz hindern die Verständigung. Europäer tun sich damit noch immer schwer – im Gegensatz zu ihren deklarierten Offenheit – eine andere Sicht auf die Geschichte als legitim anzuerkennen. Zu leicht wäre eine unter einen Kamm gescherte Geschichte mit einem hegemonialem Anspruch verbunden. Osteuropäer seien skeptisch gegenüber „Lehrmeister“, die ihre Erfahrung nicht teilen. Auch Deutsche neigen Deutsche dazu, auf ihre eigene Geschichte zu konzentrieren. So treffend Richard von Weizsäckers Wort „Befreiung“ im Mai 1985 für das Kriegsende auch war – für Osteuropäer ist das Wort unmöglich, erinnerte Möller. Den Beginn von 40 Jahren kommunistische Diktatur und Fremdbeherrschung kann man unmöglich mit dem Wort „Befreiung“ beschreiben. Direkt in die Zerstörung hinein kam doch eine zweite Diktatur, die von vornherein die Aufarbeitung des Faschismus, wie die Versöhnung der Europäer verhinderte. Denn wie hätte auch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Nazi-Schuld Polen gegenüber, ausgehend von der antifaschistischen DDR, unter der angeordneten Verbrüderlichung im sozialistischen Block stattfinden können, fragte Birthler.

In der einen Diktatur die andere Diktatur aufzuarbeiten – wie soll denn das gehen? Markus Meckel, der letzte Außenminister der DDR erinnerte an die falschen Geschichtsbilder, die die Ostblock-Bürger auch innerhalb des sozialistischen Lagers gegenseitig aufgetischt bekamen – Ostdeutsche und Polen, Slowaken, Rumänen und Ungarn wussten erschreckend wenig und auch das umgekehrt über die wahre Geschichte ihres Nachbarn. Aber gerade die Geschichte des Kalten Krieges, die mit dem Sturz und dem Zerfall der kommunistischen Lügen endete, beweist: Geschichte bleibt nicht unaufgedeckt. Auf die gelegentliche Ungeduld vieler Osteuropäer angesichts der zögerlichen Aufarbeitung traf ein doch entspannteres und optimistisches Geschichtsbild aus dem Westen. Während Kalniete beklagte, eine „Entbolschewisierung“ wie die „Entnazifizierung“ fand bis heute nicht statt, und es sei für sie persönlich auch geradezu beunruhigend, dass ehemalige kommunistische Verbrecher, Gegner der europäischen Demokratie, die vor einigen Jahren Demokraten noch ins Gefängnis steckten, heute im Europäischen Parlament sitzen.

Die Geschichte hat, im Gegensatz zu dem Menschen, ein Langzeitgedächtnis, erwiderten deutsche Historiker mit Westbiographie. Erst nach 40 Jahren drängt das individuelle Gedächtnis danach, ins Kollektive zu übergehen, argumentierte Andreas Wirsching – so sei es 20 Jahre danach noch zu früh, das Erlebte/Erlittene in einem gemeinsamen europäischen Gedächtnis zusammenzufügen mit dem, was früher ereignete. So führt zwar von Auschwitz zum Gulag – aus Ungleichzeitigkeit oder aus Ungleichmäßigkeit – kein gemeinsamer Erinnerungsweg. Das bedeutet aber nicht, dass man dem berechtigten Anspruch aus dem Osten, der Geschichte des Gulag eine größere politische und historische Beachtung zu widmen, nicht nachkommen sollte. Martin Sabrow bot nach den eigenen Worten ein Kontrastprogramm, indem er die „Gulag-orientierte Identität“ und „Holocaust-orientierte Identität“ als Befund für die erkennbare, aber aus seiner Sicht nicht tragische Spaltung der europäischen Erinnerung vorfand, um die beiden in ihrer Tiefenstruktur doch vereint wiederzufinden: Europäer verständigen sich heute über die Vergangenheit doch „unter einem weitgehend angeglichenem Wertehimmel“ – so wurde doch die reinigende, die heilende Kraft der Erinnerung zum europäisches Identitätsmerkmal.

Wie bedrückend die Geschichte und wie heilend die Aufarbeitung sein kann, zeigte Marek Prawda, der Botschafter Polens in Deutschland, am Beispiel von Katyn. Katyn, der von den Russen lange verheimlichte und verschwiegene Schauplatz stalinistischer Massaker, erst vor kurzem kam es zum ersten polnisch-russischen Versöhnungsakt, als die polnische Präsidentenmaschine unterwegs zur Gedenkveranstaltung tragisch verunglückte, ist für Prawda zum Symbol der Überwindung der polnischen Vergangenheit geworden: Katyn steht trotzt der Doppeltragödie nicht mehr für den polnischen Leidensweg, sondern für deren Überwindung. Erinnerung kann lähmen oder anspornen. Für Prawda kommt es heute in Europa darauf an, ob es gelingt, von den negativen Erlebnissen abzurücken und auf das mit 1989 errungene positive Gemeinschaftsgefühl zu setzen. Denn das ist die Grundlage des heutigen Europa – 1989 gelang ein erstes Mal eine Politik, die sich gegen niemanden richtet, sondern im Gegenteil – auf das Gemeinsame und auf das Positive setzt.

Für den deutschen Historiker mit Westbiographie Joachim Scholtyseck, der das Tagungsmotto „Europa erinnert sich für die Zukunft“ in „Europa vergisst für die Zukunft“ verwandelte, steht fest: Wissen und Erinnerung gehen leicht verloren. Und doch sollten wir wenigstens eins aufbewahren: die Schrecken der Diktatur dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Denn das wäre genau so fatal für die Demokratie, wie der Verlust der Freiheit. Erst die Sehnsucht nach der Freiheit hat doch das heutige Europa ermöglicht, erst Freiheitskämpfer wie Jan Palach, erinnerte der Botschafter von Tschechien Rudolf Jindrák, erkämpften die Freiheit, die für eine junge Generation heute im Ostblock genauso zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, wie im Westen seit Kriegsende. Einer der Grundwerte der europäischen Demokratie muss am intensivsten gepflegt werden, regte Zalewski an. Denn solange die Freiheit fehlt, hat sie einen hohen Wert (wie viele Osteuropäer opferten ihr Leben dafür), seitdem sie errungen ist, verliert sie an Attraktivität. Freiheit ist anstrengend, so die deutsche Freiheitsforscherin mit Westbiographie Ulrike Ackermann, und in der Freiheit wächst die Sehnsucht nach Sicherheit und väterlicher Fürsorge. Es ist bequemer, unmündig zu sein – und zur Mündigkeit kann man keinen zwingen.

Wie soll es gelingen, in Europa das zu vergessen, was eine Versöhnung hindert und das in Erinnerung zu behalten, was Verständigung und den gemeinsamen Weg der Europäer ermöglicht. Staatsminister Eckart von Klaeden sieht in der gegenseitigen Vertrauensbildung die große Chance der Europäer – reden wir nicht über die guten Beziehungen, reden wir darüber, was wir gemeinsam anpacken müssen und wollen. Mit dem Bibel-Zitat „Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit“ rief von Klaeden noch zwei ebenfalls schwer errungene europäische Werte in Erinnerung. Frieden und Gerechtigkeit, die heute unser Leben so komfortabel und so menschenwürdig machen, sind genauso wenig Selbstläufer, wie die Freiheit. Es bleibt uns nicht erspart, unsere europäischen Werte aktiv zu pflegen. Forschung und Aufarbeitung können viel bewirken – letztlich käme es darauf an, ob Europas Bürger diese Werte wirklich leben: „Become citizen, not just a member“ appellierte der slowenische Europa-Abgeordnete Milan Zver. Und er fügte noch hinzu: Geschichte ist eine gute Schule, sie braucht nur mehr Schüler.