Marek Prawda
Beitrag an der Konferenz der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V. „Europa erinnert sich für die Zukunft“ am 29/30 April 2010
Das vereinte Europa kann endlich mit zwei Lungen atmen. In Polen erinnert man sich nicht gern an die Zeit mit einer „amputierten Lunge“. Heute betonen die neuen EU-Mitglieder, dass auch ihre Erfahrung der Diktaturen und Fremdbestimmung einen Teil der europäischen Geschichte darstellt. Es wird auch hervorgehoben, dass die Integration in Europa nur dann gelingen kann, wenn wir an einem gemeinsamen Bild der europäischen Geschichte arbeiten. Andererseits sind wir uns aber darin einig, dass dieses verbindende Geschichtsbild noch wachsen muss. Die Völker haben zu viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Dennoch lassen sich etwa Kriegserfahrungen in dem Sinne „europäisieren“, dass man sie als ständige Warnung betrachtet und daraus den Mut schöpft, sich möglichen Katastrophen entgegenzustellen. Und indem man zur Aufarbeitung aller Schattenseiten der eigenen Geschichte bereit ist. Auf dem Wege zur europäischen Erinnerungskultur sollten wir uns die Frage stellen, wie wir mit scheinbar unlösbaren Konflikten umgehen können. Im Jahre 1965 richteten die polnischen Bischöfe ihr bekanntes Versöhnungsangebot an die deutschen Glaubensbrüder: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Sie gingen damit nicht über die Wunden hinweg, die der Krieg geschlagen hatte. Sie zeigten aber den Mut, den zugrunde liegenden Konflikt nicht als Kampf von Gut und Böse, sondern vielmehr als Tragödie darzustellen. Dies hatte zur Folge, dass man sich für die Opfer auf allen Seiten sensibilisieren konnte. Nur so werden wir auch fähig, zu vergeben – schien die Botschaft der Bischöfe zu sein.
Kein anderes Ereignis in der Nachkriegsgeschichte Polens löste so viel Nachdenken über das Verhältnis zu unseren Nachbarn aus. Trotz der Diffamierungskampagnen der Kommunisten („Verräter an Polentum!“) wurde die selbstkritische, offene Sprache der Bischöfe zum moralischen Standard und zur Medizin gegen Nationalismus und Intoleranz. Sich „im Geiste der Botschaft der Bischöfe“ zu äußern hieß: sich anständig zu verhalten, sich selbst mit den Augen der Nachbarn zu betrachten. Die Geschichte interessiert uns nicht wegen der Geschichte, sondern wegen der Sprache, in welcher wir über sie erzählen. Das ist nämlich dieselbe Sprache, mit der wir die Welt von heute deuten: „Europa erinnert sich für die Zukunft“. Europa muss in der Tat seine Erzählung ergänzen und „reparieren“, um mit sich selbst – heute und morgen - im Reinen zu sein.