Rudolf Jindrák

Die Freiheitskämpfer

Beitrag an der Konferenz der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V. „Europa erinnert sich für die Zukunft“ am 29/30 April 2010


Sehr geehrte Damen und Herren,

es freut mich sehr, dass ich heute auf dieser interessanten Konferenz mit Ihnen meine Sicht des turbulenten 20. Jahrhunderts teilen darf. Das 20. Jahrhundert wurde maßgeblich von Krieg, Diktatur, totalitärem Staat und dem Kampf um Demokratie geprägt. Es sah zwei verheerende Weltkriege und einen Kalten Krieg, der dank der atomaren Arsenale beider Supermächte die Welt am Rande des Abgrunds balancieren lies. Die Welt und insbesondere Europa erlebten die schlimmsten totalitären Regimes und Diktaturen, die es je gab. Das Massenmorden, die Unterdrückung der Freiheit und das Verachten der Menschenrechte erreichten beispiellose Ausmaße. Das Jahrhundert ging zwar glücklich aus, da mit den Revolutionen der späten achtziger Jahre die kommunistischen Regimes in Ost- und Mitteleuropa gestürzt wurden, ein gefühltes „Licht am Ende des Tunnels“ oder ein „The End of History“ wurde aber rasch durch die blutigen Kriege im ehemaligen Jugoslawien und schließlich durch die terroristischen Angriffe auf New York und Washington beendet.

Bei allen Konflikten und Spannungen, die es im geteilten Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab, wird oft übersehen, das die Europäer seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Frieden leben konnten. Wenn man in die kriegerische Geschichte Europas schaut, erscheint diese friedliche Periode deshalb eher als eine Ausnahme. Ich bin davon überzeugt, dass diese friedlichen sechzig Jahre zu einem Grossteil auf das Projekt der europäischen Integration zurückzuführen sind. Die europäische Vereinigung, die auf dem Gedanken einer friedlichen Zusammenarbeit der ehemaligen Erzfeinde Deutschland und Frankreich gegründet wurde, brachte Europa ein zuvor unerreichtes Maß an Frieden, Freiheit und Prosperität. Deshalb wurde die Europäische Gemeinschaft nach dem Revolutionsjahr 1989 auch ein begehrtes Ziel der Osteuropäer. Sie brachte der Tschechischen Republik und den weiteren Beitrittsländern Prosperität, Stabilität und Zugehörigkeit zu einer europäischen Identitätsgemeinschaft mit gemeinsamen Werten und Zielen.

Die junge Generation von Europäern sieht die Europäische Union und all die Vorteile, die sie uns bringt, oft als eine Selbstverständlichkeit – was sie aber nicht ist. Der Prozess der Europäischen Vereinigung muss ständig bewusst vorangetrieben werden und auch von den jungen Generationen als etwas einzigartiges und anstrebenswertes wahrgenommen werden. Wenn sich die jungen Europäer nicht für ein vereinigtes Europa engagieren und diese Idee nicht verinnerlichen, wird die Vision eines einheitlichen Europas nicht gedeihen können. Dazu gehört auch ein erhebliches Maß an Eigeninitiative und Interesse für die eigene und die europäische Geschichte. Derjenige, der die eigene Geschichte gut kennt, kann aus ihr eine Lehre ziehen und ein Wiederholen der geschichtlichen Fehler vermeiden. Es ist auch nicht möglich, dass die jungen Generationen nicht einmal die Namen der Freiheitskämpfer wie zum Beispiel Jan Palach kennen. Denn es waren gerade Menschen wie Palach, die ihr Leben für die Freiheit der heutigen Generation geopfert haben. Ich bin davon überzeugt, dass Konferenzen und Initiativen wie diese das geschichtliche Bewusstsein der jungen Generationen erheblich fördern und deshalb gehört den Organisatoren mein großer Dank und Respekt.

Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.