Tamara Griesser Pecar

Historikerin (Slowenien/Österreich)


Slowenien ist das einzige postkommunistische Land der EU, das auf staatlicher Ebene den Kommunismus nicht verurteilt hat. Vor kurzem wurde in der Hauptstadt Ljubljana gar wieder eine Straße nach Tito benannt. Gegenwärtig gibt es eine heftige Debatte um die Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus. Der 23. August wurde vom offiziellen Slowenien nicht als europäischer Gedenktag an die Opfer des Kommunismus und des Nazismus begangen. Bei der regierenden linken Koalition besteht wenig Neigung, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ständig wird betont, dass die Geschichte Sloweniens nicht zu vergleichen sei mit jener aller anderen ehemals kommunistischen Länder. Die Entschließung sei außerdem von der europäischen Rechten eingebracht und durchgedrückt worden, weshalb  hier auch die Verurteilung des angeblichen „katholischen Totalitarismus“ fehle. Der stellvertretende Parlamentspräsident Miran Potrč (SD[1]), ehemaliger kommunistischer Funktionär, in den siebziger Jahren Mitglied des Slowenischen Zentralkomitees, vertritt gar die Meinung, daß Slowenien nach 1953 keine kommunistische Herrschaft mehr gekannt habe. Immerhin hat sich das slowenische Parlament auf Antrag der oppositionellen Partei SDS[2] am 8. September mit der Entschließung befaßt. Die Regierungsparteien aber sahen keine Notwendigkeit, diese anzunehmen. Vielmehr werde nämlich, so wird gesagt, als politische Abrechnung mißbraucht – mit dem Ziel, den linken Parteien die Schuld an den Massenermordungen nach dem Zweiten Weltkrieg zuzuschieben. 


Lesen Sie den Beitrag in der Anthologie Freiheit, ach Freiheit...


[1] Sozialdemokraten, die aus der kommunistischen Partei hervorgegangen sind.

[2]Slovenska demokratska stranka, Slowenische Demokratische Partei