Karl Schlögel
Historiker
Osteuropas Erkenntnisprivileg: die Doppelerfahrung
So rasch geht die Zeit. Es ist fast unglaublich, dass 1989 schon 20 Jahre zurückliegt - das ist eine Generationenspanne. Es gibt Schüler und Studenten, die nach dem annus mirabilis geboren sind, für die das alles buchstäblich Vorgeschichte ist. Uns, denen, die - wie auch immer dabei gewesen sind - erscheint es wie gestern. Wer von uns erinnert sich noch daran, dass die U-Bahn in der Zeit, als wir in Westberlin studieren, Bahnhöfe passierte, die zugemauert waren und an denen Grenzer patrouillierten? Wer weiss überhaupt noch, wo die Mauer genau verlaufen ist? Und wer erinnert sich an einen Polenmarkt an der Stelle, wo heute der neue Potsdamer Platz war, eine sandige Fläche mit abgestellten Wohnwagen und einer nach Nirgends führenden Magnetschwebebahn, Philharmonie und Staatsbibliothek wie Weltraumschiffe in einer Grenzlandschaft? 20 Jahre sind eine lange Zeit, aber auch eine kurze Zeit, wenn man von Langzeitgedächtnis, von longue durée spricht. Ihre Intervalle sind nicht die von Legislaturperioden, von Kanzlern und Kanzlerinnen, sondern eher von Generationen oder sogar Epochen. So wie 1989 ganze Generationenhorizonte sich aufgelöst haben, so sind neue entstanden.
Lesen Sie den Beitrag in der Anthologie Freiheit, ach Freiheit...
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