doppelgedächtnis: debatten für europa 3

23. Juni 2008, Vertretung der Europäischen Kommission Berlin



Anne Applebaum
Virgis Valentinavičius

Gulag-Forscherin und
Pulitzer-Preisträgerin (USA/Polen)

politischer Kommentator des
Nachrichtensenders Alfa Media,
promovierter Philosoph (Litauen)
 
 Foto © The American Academy in Berlin

Foto © Virgis Valentinavičius
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Am Abend des 23.06.2008 begegneten sich Anne Applebaum und Virgis Valentinavičius in der Vertretung der europäischen Kommission in Berlin. Gemeinsam gestalteten sie die dritte Doppelrede unserer Veranstaltungsreihe doppelgedächtnis: debatten für europa.
Die Gesprächsleitung übernahm Marko Martin, Autor und Mitglied des PEN-Zentrums. Einleitende Grußworte an das zahlreich erschiene Publikum wurden von Marzenna Guz-Vetter (Vertretung der europäischen Kommission Polen, Leiterin der politischen Abteilung) sowie Zsuzsa Breier (Initiatorin der Veranstaltungsreihe doppelgedächtnis) vorgetragen.
Die Diskussion fand in Englischer Sprache mit deutscher Synchronübersetzung statt.


   
Marko Martin                                                Marzenna Guz-Vetter                             Zsuzsa Breier hielt die Eröffnungs- Rede


"Offenbar pflegen wir fast 20 Jahre nach Mauerfall ziemlich unterschiedliche Bilder vom Sozialismus," stellte Zsuzsa Breier in ihrer Eröffnungsrede fest und machte damit den Schwerpunkt der dritten Veranstaltung der Gesprächsreihe doppelgedächtnis: debatten für europa deutlich: die Fehlstellen und Auslassungen im historischen Gedächtnis von (europäischen) Nationalstaaten.

Als Gastredner waren dieses Mal der litauische Fernseh- und Internetjournalist
Virgis Valentinavičius sowie die US-amerikanische Journalistin und Osteuropa-Expertin Anne Applebaum geladen.
In ihren Beiträgen wiesen beide Redner den je spezifischen, oft einseitigen und teils bewusst unvollständigen Umgang mit der Geschichte sowohl in Litauen als auch in Russland nach, der die Geschichte Osteuropas – je nach Blickwinkel - in einem sehr unterschiedlichen Licht erscheinen lässt.

Anne Applebaum, wies darauf hin, dass alle Länder ihre Geschichte politisieren, hob jedoch die Beziehung Russlands zu seiner Geschichte als eine Besondere hervor: Das offizielle Geschichtsverständnis des heutigen Russlands sei vor allem durch die Auslassungen in der Geschichtsschreibung gekennzeichnet. So würden beispielsweise der Gulag und die Verbrechen der Periode des Stalinismus einerseits und die russische Dissidenten-Bewegung im 20. Jahrhundert andererseits verschwiegen.

Virgis Valentinavicius beschrieb in seinem Beitrag das Missverhältnis bei der Aufarbeitung der litauischen Geschichte: Während die offiziellen Stellen mit Gedenktagen den Ritualen der Aufarbeitung Lippenbekenntnisse leisten, herrsche eine generelle Übereinkunft, die Geschichte den Historikern zu überlassen. Neben einer interessierten Minderheit an Forschenden und aktivistischen Bürgern sieht er einzig in der jungen Generation den Drang, die allgemeine, staatlich-gestützte Geschichtsapathie zu überwinden.

Zu dem anschließenden Gespräch, welches von Marko Martin geleitet wurde, leisteten die Vertreter der „Stimme des jungen Europa“ vom Studienkolleg zu Berlin Elena Sotres Zapateros (Spanien) und Bart Willem Luttikhuis (Niederlande) mit ihren Fragen an die Redner wichtige Impulse.
Hierbei wurde erneut unterstrichen, dass es sich bei der einseitigen Geschichtsauffassung keineswegs nur um ein osteuropäisches Phänomen handelt. Vielmehr ist das Wissen über die Situation und die historischen Entwicklungen der anderer Länder überall eingeschränkt, was im europäischen Kontext möglicherweise ein Problem für das weitere Zusammenwachsen der EU-Staaten darstellt.


Anne Applebaum: "Russia’s current elite is certainly not   Soviet nor Stalinist, and it is not trying to re-create the Soviet  union.
However its leading members are people who were raised and trained not merely in the Soviet union, but inside the culture of the old KGB [...].
And in the old Soviet, KGB mindset, there was simply no such thing as neutral or objective history: it does not and cannot exist."

Virgis Valentinavičius: "The Lithuanian historic memory is now divided between the passionate minority of researchers and some activist citizens versus the indifferent majority and post communist government. In the foreseeable future, in terms of political battle over memory, the passionate minority will probably be at the loosing end.
But at the same time there are seeds of memory which are taking root elsewhere, that is among young people."



"Die Stimmen des jungen Europa"

           
 
   Elena Sotres Zapateros (Spanien)                                                                           Bart Willem Luttikhuis (Niederlande)


Die Veranstaltung

 
Der polnische Botschafter Marek Prawda, die Veranstaltungsinitiatorin Zsuzsa Breier und das israelische Botschafterehepaar Iris und Yoram Ben-Zeev


Thomas Kurze im Gespräch mit Ulf Göbel




MITWIRKUNG: Stimmen des jungen Europa: Bart Willem Luttikhuis und Elena Sotres Zapateros, Stipendiaten des Studienkolleg zu Berlin; StudentInnen der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen des kulturwissenschaftlichen Seminars "Kulturmanagement konkret".

alle Fotos © Dorothea Herrmann